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Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hg.): Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Bielefeld: transcript Verlag 2011

Rezensiert für das Webportal für Human-Animal Studies im deutschsprachigen Raum von:

Renate Brucker, 03.12.2011

Dieser Band stellt einen Meilenstein dar in der Entwicklung der Human-Animal-Studies. Nachdem in der ersten Phase der Aufarbeitung der Blindstelle „Mensch-Tier-Verhältnisse“ in den Sozialwissenschaften hauptsächlich auf  „klassische“ Autoren (Marx, Weber, Geiger, Horkheimer, Adorno, Galtung) Bezug genommen wurde, werden hier erstmals auf breiter Ebene aktuelle philosophische und sozialwissenschaftliche Theorieansätze berücksichtigt.

Alle Arbeiten der zumeist noch jungen Autoren beziehen sich mehr oder weniger explizit auf postmoderne Theorien, auf Arbeiten Michel Foucaults, Jacques Derridas, Judith Butlers, Donna Haraways und anderer, im deutschen Sprachraum teilweise noch relativ unbekannter Autoren. Mensch-Tier-Verhältnisse werden im Sinne des Sozialkonstruktivismus in ihrer Gesellschaftlichkeit und Prozesshaftigkeit erläutert, Begrifflichkeiten wie „Mensch“, „Tier“, „Natur“, der „Abgrund“ zwischen „Mensch“ und „Tier“ und entsprechende Subjekt-Objekt-Dichotomien dekonstruiert. Es gelingt den Autoren der einzelnen Aufsätze dabei, die oft sehr abstrakten theoretischen Grundlagen zu vermitteln, so dass ihre Einbeziehung in Diskurse zu Mensch-Tier-Verhältnissen nachvollziehbar wird.

So bewertet Sven Wirth in seinem Aufsatz „Fragmente einer anthropozentrismus-kritischen Herrschaftsanalytik. Zur Frage der Anwendbarkeit von Foucaults Machtkonzepten für die Kritik der hegemonialen Gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse“ die Nutzbarkeit der foucaultschen Begrifflichkeit von Macht, Herrschaft und Subjekt aufgrund ihrer Logozentrik und der Fortschreibung traditioneller Dualismen als nur eingeschränkt, um sich eher dem „natureculture“ Konzept Donna Haraways und ihrer Forderung anderer Praktiken („Konversationen“) im Umgang mit Tieren anzuschließen. Der Autor plädiert für die Ausarbeitung einer nicht-anthropozentrischen Herrschaftsanalytik, die Prozesse des „Othering“ und epistemische, strukturelle und materielle Gewalt auch im Verhältnis zu Tieren einbeziehen und damit eine Neuschreibung des westlich-hegemonialen Denkens über Tiere im Sinne eines „animal turn“ ermöglichen würde.

Markus Kurth greift in seiner Arbeit „Von mächtigen Repräsentationen und ungehörten Artikulationen. Die Sprache der Mensch-Tier-Verhältnisse“ ebenfalls den Subjektbegriff auf, dessen Autonomieimplikation er in Anlehnung an Louis Althusser als Illusion erweist. Auch hier geht es um die angebliche Mensch-Tier-Grenze, die seit Aristoteles durch die Unterscheidung zwischen der „rein menschlichen vernunftgemäßen Sprache“ (logos) und dem „vernunftlosen Geschrei der Tiere“ (phone) gekennzeichnet sein soll. Der Autor zeigt, dass „Gehörtwerden“ keine Naturbedingung, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist, in denen nur ein kleiner Teil der Menschen Anspruch auf Gehör für den ihnen zukommenden Logos des Befehls besitzt, während der größere Teil der Menschen und die Tiere insgesamt nicht gehört werden. Daher fordert er eine acht- und aufmerksame Kommunikation mit nichtmenschlichen Tieren und das Bemühen, trotz der Illusion des „autonomen, sprachbegabten menschlich-vernünftigen Subjektes“, auch „gesellschaftspolitisch dem Leid der Tiere eine Stimme zu geben.“

Andre Gamerschlag vermittelt in seinem Beitrag „Intersektionelle Human-Animal-Studies. Ein historischer Abriss des Unity-of-Oppression-Gedankens und ein Plädoyer für die intersektionelle Erforschung der Mensch-Tier-Verhältnisse“ die im Titel angekündigte gut nachvollziehbare Einführung in die entsprechenden theoretischen Zusammenhänge, deren Lektüre auch unabhängig von diesem speziellen Zusammenhang sehr nützlich ist. Im Zentrum steht die Analyse von Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Herrschaft und Ausbeutung. Materialreich mit Beispielen belegt zeigt er auf, wie im Rahmen eines intersektionellen Ansatzes „Ähnlichkeiten, Differenzen, Koppelungen und Intersektionen von Speziesismus“ und „interhumanem Chauvinismus“ zu analysieren wären, ohne „tückischen Strategien“ anheim zu fallen, die durch einen Scheuklappenblick verursacht werden, welcher Tierausbeutung sieht, aber menschenbezogene Benachteiligungen und Ungleichheiten ignoriert.

Sabine Hastedt zeigt in „Die Wirkungsmacht konstruierter Andersartigkeit. Strukturelle Analogien zwischen Mensch-Tier-Dualismus und Geschlechtsbinarität“ ebenso wie Swetlana Hildebrandt in „Vergeschlechtlichte Tiere. Eine queer-theoretische Betrachtung der Gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse“ in Anlehnung an Konzepte Judith Butlers und Jacques Derridas Strategien der Ontologisierung gesellschaftlicher Geschlechter- oder Spezieskonstruktionen, die in performativen Prozessen jeweils neu hervorgebracht werden. Das – meist im Sinne der Heteronormativität – als Geschlechtswesen markierte Tier wird zugleich Projektionsfläche innergesellschaftlicher Auseinandersetzungen über Sexualität und Geschlecht, die von Hildebrandt aus der Perspektive der Queer-Theorie kritisiert werden.

Andrea Heubach nimmt in „Der Fleischvergleich. Sexismuskritik in der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung“ vor allem die so kritisierte Werbung von Peta in den Blick und unterscheidet eine hegemonial-feministische Kritik (Carol J. Adams, Gary L. Francione) von Bewertungen bzw. Kritiken der hegemonialen Kritik aus postfeministischer oder aus queer-theoretischer und intersektioneller Perspektive. Für die Autorin ist wichtig, dass Dualismen aufgelöst und nicht bestärkt werden, für die visuelle Präsentation der Tierrechtsbewegung plädiert sie für die Entwicklung von Gegenbildern statt Vergleichen, wie dies etwa bei den auch von Peta durchgeführten „Fleischpräsentationen“ der Fall ist, falls sie „nicht alleine den männlichen heterosexuellen Blick“ repräsentieren.

Drei Arbeiten sind eher historisch orientiert, wobei eine sich grundsätzlichen Fragen der Geschichtsschreibung unter Einbeziehung der Tiere zuwendet, nämlich Mieke Roscher „Where is the animal in this text? Chancen und Grenzen einer Tiergeschichtsschreibung“, die zuerst die großen Schwierigkeiten beschreibt, die sich einer als „ernsthaft“ akzeptierten Tiergeschichtsschreibung in den Weg stellen. Neben dem inhärenten Anthropozentrismus der Wissenschaft, der nicht nur ein reduktionistisches Tierbild vertritt, sondern auch die nicht-instrumentelle Beschäftigung mit Tieren verdächtig, wenn nicht lächerlich erscheinen lässt, ist es vor allem das Problem, Quellen zu finden, die eine historische Rekonstruktion tierlichen Lebens zulassen. Es ist das Verdienst dieses Beitrags, hierzu eine Reihe von Vorschlägen zu formulieren, die sich z.B. an der Geschichte von Menschengruppen orientieren, von denen ebenfalls keine (oder eingeschränkte) textliche Quellen auffindbar sind. Eine zukünftige Geschichtsschreibung könnte hier wertvolle Anregungen gewinnen.

In einem weiteren Artikel „Gesichter der Befreiung“. Eine bildgeschichtliche Analyse der visuellen Repräsentation der Tierrechtsbewegung“ befasst Mieke Roscher sich schwerpunktmäßig mit der Entstehung, Verwendung und der kommunikativen Funktion eines Bildes, das geradezu zu einer globalen Ikone geworden ist. Sie stellt es in seinen Entstehungszusammenhang und in seinen historischen Kontext, der wesentlich von den Gewalttaten der IRA in England bestimmt war, wodurch die ähnlich maskierten Tierbefreier leicht von den Medien als „Terroristen“ gelabelt werden konnten. Sie erkennt einen Kult der Militanz , eine Heroisierung und Hypermaskulinisierung, das gerettete Tier tritt an die Stelle des weiblichen Wesens, das gewöhnlich vom „Helden“ gerettet wird. In der Auswahl des geretteten Tieres, eines Hundes, sieht sie eine Strategie, die letztlich dem speziesistischen Blick entgegenkommt, bezeichnet es  allerdings als offene Frage, ob die Darstellung egalitärer Standards überhaupt möglich wäre.

In der dritten der historisch orientierten Arbeiten bearbeitet Aiyana Rosen die Entwicklung der Tierrechtsbewegung in der Bundesrepublik. Die empirische Basis ihres Beitrags „Vom moralischen Aufschrei gegen Tierversuche zu radikaler Gesellschaftskritik. Zur Bedeutung von Framing-Prozessen in der entstehenden Tierrechtsbewegung der BRD 1980-1995“ bilden neun Interviews mit Zeitzeugen, die mehrheitlich noch in der Tierrechtsbewegung aktiv sind. Mit Hilfe der Theorie des framing, d.h. der spezifischen Fassung oder Rahmung von Situationen/Problemen werden Entstehung, Entwicklung und soziale und politische Positionierung der Bewegung strukturiert und unterschiedliche Framing-Strategien diskutiert. Die Autorin plädiert für Strategien, durch die einerseits die Ziele der Bewegung nicht zugunsten einer breiteren Mobilisierung abgeschwächt, andererseits kurzfristige strategische Allianzen nicht ausgeschlossen werden.

Markus Kurth, Tina Henschke, Andreas Stark und Maria Struppek widmen sich in ihrem Beitrag „Zum Verhältnis von Hardcore-Szene und veganer Biografie. Eine qualitative Untersuchung“ einer Jugend- und Musikszene, in der Veganismus oder auch Straight Edge (Verzicht auf  Drogen) eine zentrale Rolle spielen. In vielen Texten dieser Musikrichtung wird Tierausbeutung thematisiert und es besteht in der entsprechenden Szene eine den Veganismus unterstützende peer-group. Das empirische Material bilden vier leitfadengestützte Interviews, in denen verschiedene Typen von Veganern differenziert werden, die die Angebote der Szene jeweils unterschiedlich aufnehmen und sich durch ihr soziales Umfeld, die Szene und auch durch die Verfügbarkeit veganer Produkte beeinflussen lassen.

Insgesamt also ein Sammelband, der viele Aspekte der Mensch-Tier-Verhältnisse beleuchtet, neue Einsichten erbringt und auf einem sehr anspruchsvollen theoretischen Niveau seinem Thema, der gesellschaftlichen Natur der Mensch-Tier-Verhältnisse, gerecht wird.

 

Renate Brucker ist Historikerin und Sozialwissenschaftlerin. Sie ist Autorin von zahlreichen Beiträgen zur Geschichte von Tierschutz und Tierrechten, u.a. in Brantz/Mauch (Hg.): “Tierische Geschichte” und Tolstoi et al.: “Das Schlachten beenden!”. Sie hat zudem durch den Aufbau eines Archivs wichtige historische Texte der Tierrechtsbewegung wieder zugänglich gemacht  (unter: www.magnus-schwantje-archiv.de).

Zitierweise:
Renate Brucker: Rezension zu: Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hrsg.): Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Bielefeld 2011, in: Webportal für Human-Animal Studies im deutschsprachigen Raum, 03.12.2011, http://human-animal-studies.de/publikationen/rezensionen

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